Kieler Neonazis und die Waffen

Daniel Nordhorn aus Laboe

Daniel Nordhorn aus Laboe

Für die Neonaziszene haben Waffen traditionell eine hohe Bedeutung. Waffen suggerieren Macht, Kampfbereitschaft, Männlichkeit und vieles andere, was Neonazis gern verkörpern wollen. Außerdem lassen sich Waffen als Devotionalien verwenden, um in längst vergangenen Zeiten zu schwelgen. Die Begeisterung für Waffen stellt eine wichtige Scharnierfunktion zwischen Neonazis und militaristischen Kreisen dar. Publikationen wie die “Deutsche Militärzeitschrift” des Neonazi-Verlegers Dietmar Munier aus Martensrade zeugen von den Versuchen, über einen gemeinsamen Waffen- und Männlichkeitskult konservative oder vermeintlich unpolitische Milieus zu agitieren.


Während die generelle Begeisterung für Waffen und deren Besitz viele neonazistische Gruppierungen verbindet, unterscheidet sich die praktische Relevanz im politischen Kampf deutlich. Manche Gruppen scheinen die Waffen vorwiegend als Devotionalien oder als Vorbereitung für apokalyptische Zukunftsvisionen zu betrachten, andere hingegen suchen regelmäßig bewaffnete Konflikte oder finanzieren über Waffenhandel ihr rechtes Treiben. Insbesondere in der selbsternannten “Frontstadt” Kiel gibt es seit Jahrzehnten eine Kontinuität bewaffneter Übergriffe durch Neonazis und vielfältige Verstrickungen in den Waffenhandel um “Bandidos” und “Hells Angels”.

Schon vor über 20 Jahren machte eine Gruppierung um die Neonazis Peter Borchert (späterer Landesvorsitzender der NPD, Führungsmitglied der “AG Kiel”, “Kieler Kameradschaft” und der “Bandidos”) und Mario Herrmann (heute Führungsfigur der rechten Freizeitfussballmannschaft “Bollstein Kiel”) bewaffnet Jagd auf Menschen, vorwiegend auf jene, denen sie einen Migrationshintergrund zuschrieben. Mit Messern und Gaspistolen verletzten sie einige Personen schwer. Exemplarisch für die Gewaltausbrüche der Gruppe um Peter Borchert seien hier zwei Beispiele aus vielen genannt. Am 12.02.1994 beschimpfte Borchert zusammen mit drei weiteren Neonazis in einem Linienbus in Kiel einen Menschen. Der Grund war die Hautfarbe des Opfers. Der dem Betroffenen des Angriffs zur Hilfe eilende Busfahrer wurde durch Messerstiche schwer verletzt. Sechs Tage später überfielen Borchert, Herrmann und Mario Wöhlk im Stadtteil Mettenhof eine Hochzeitsgesellschaft, weil sich unter den Gästen vermeintlich Migrant_innen befänden. Sie schossen mit Gaspistolen um sich und stachen mit Messern auf am Boden liegende Menschen ein. Drei Hochzeitsgäste wurden bei diesem Angriff z.T. schwer verletzt. Dass keiner der Betroffenen einen Migrationshintergrund hat, ändert nichts an der Motivation der Täter und zeigt, dass auch weitgehend unorganisiert lebensgefährliche Übergriffe begangen wurden.

Im Laufe der Jahre weitete insbesondere Borchert seine Aktivitäten aus und verdiente über Waffenhandel und bewaffnete Überfälle einen Teil seines Lebensunterhalts. Für die neonazistische Kampfgruppe “Combat 18 Pinneberg” besorgte Borchert über einen Mittelsmann bei dem Waffenhersteller Sauer die Utensilien. Bei dem Waffenhandel fungierte vermutlich insbesondere Dirk Zollondz als sein Komplize. Aufgrund von Überfällen, Körperverletzungen, Diebstählen und Waffenhandel verbüßten Borchert, Herrmann (auch wegen Vergewaltigung) und Zollondz zahlreiche Haftstrafen. Aktuell sind Borchert und Zollondz in der JVA Lübeck inhaftiert, wobei Borcherts Entlassung mutmaßlich kurz bevor steht. Trotz ihrer Nähe zur organisierten Kriminalität blieb die neonazistische Szene um Peter Borchert stets ihrem politischen Engagement treu. Anstatt wie in anderen Städten ihre Aktivitäten mit zunehmender Integration in Rockergruppierungen einzuschränken, nutzte Borchert seine politischen Gruppen, um seine kriminelle Machtposition zu festigen und gab seinen politischen Zielsetzungen durch die Kontakte ins Waffenhandel- und Rotlichtmilieu eine neue finanzielle und organisatorische Basis.

Nach dem Aufbau der “AG Kiel” um das Jahr 2008 suchte diese relativ schnell den bewaffneten Konflikt mit den in der Kieler Unterwelt dominanten “Hells Angels”. Im Zuge der Auseinandersetzungen wurde die Führungsfigur der “Hells Angels” in Kiel niedergestochen und auf dessen Haus geschossen. Die Stiche werden Borchert zugerechnet, die Schüsse sollen von Manuel Fiebinger (Mitglied der “AG Neumünster”, eng verknüpft mit der “AG Kiel”) abgegeben worden sein. Mit der selben Waffe wurde im Jahr 2010 auch auf das alternative Kultur- und Wohnprojekt Alte Meierei in Kiel geschossen. Seine aktuelle Haftstrafe verbüßt Peter Borchert aufgrund eines Überfalls auf “Hells Angels”-Unterstützer in Neumünster, bei dem diese schwer verletzt wurden. Parallel folgte eine Welle von Gewalttaten gegen vermeintliche Linke und deren Einrichtungen.

Innerhalb der “AG Kiel” bildete sich auch unter den Jüngeren schnell ein dominanter Flügel, der neben Ambitionen in der neonazistischen Szene verstärkt in Richtung organisierte Kriminalität tendierte. Noch heute sind weite Teile der inzwischen aufgelösten “AG Kiel” eine klassische Gang im Bereich der Kleinkriminalität, während politische Aktionen nur noch sporadisch stattfinden. Insbesondere die Brüder Lars und Filip Jochimsen orientierten sich früh in Richtung “Bandidos” und polarisierten damit in ihrem politischen Umfeld. Gerüchten nach sollen sie sich mit scharfen Waffen ausgerüstet haben. Auch die restlichen Führungsfiguren der jüngeren Generation der “AG Kiel”, namentlich Daniel Zöllner und Virginia Krüger, zeigten eine hohe Affinität zu Waffen und gewaltsamen Übergriffen. Zöllner soll laut Aussage eines Polizeikronzeugen sowohl in die Schüsse auf die Alte Meierei als auch in Waffenverkäufe an den “NSU” verwickelt gewesen sein. Es gilt allerdings zu bedenken, dass die Glaubwürdigkeit des Kronzeugen umstritten ist. Als die Polizei zu einer Hausdurchsuchung bei Daniel Zöllner erschien, griff dieser die Polizist_innen mit einem Schwert an. Anschließend wurden in allen Räumen der Wohnung Stichwaffen des selben oder ähnlichen Typs gefunden.

Die NPD fällt in Kiel auch aktuell immer wieder durch bewaffnete Verstrickungen auf. So wurde im Zuge der Razzien gegen die “Hells Angels” im Mai 2012 auch die Wohnung von dem NPD-Ratsherr Hermann Gutsche gestürmt. Die Polizei suchte zwei AK47 und zwei Pistolen aus Geschäften mit den “Hells Angels”. Gerüchten aus der rechten Szene zu Folge soll sich Gutsche die Waffen besorgt haben, um gegen Antifaschist_innen vorzugehen. Im November dieses Jahres wurde auf dem Neonaziportal “Altermedia” im Zuge von Auseinandersetzungen zwischen parteiunabhängigen Neonazis und der NPD das Gerücht veröffentlicht, dass der stellvertretende Landesvorsitzende der NPD, Jens Lütke, auf antifaschistische Aktivist_innen geschossen habe. Lütke ist ein langjähriger Vertrauter der militanten Zirkel um Peter Borchert. In welchem Zusammenhang sich dieser Vorfall ereignet haben soll, bleibt allerdings unklar.

Doch nicht nur in der Illegalität leben Neonazis ihre Begeisterung für Waffen aus. Der “Landesorganisationsleiter” und Kreisvorsitzende (Kreisverband Segeberg-Neumünster) der NPD Daniel Nordhorn schießt ganz legal mit scharfen Waffen im “Schützenverein Marianne von 1971 e.v.” in Heikendorf bei Kiel. Daniel Nordhorn ist als Schriftführer Mitglied des Vereinsvorstands, pflegt den Internetauftritt des Vereins und schießt mit Standard- und Sportpistole.

Der ursprünglich aus Bremen stammende 44-jährige Nordhorn integrierte sich erst relativ spät in neonazistische Führungskreise. Die ihn auch aktuell immer wieder einholende Unzuverlässigkeit und ein eskapadenreiches Privatleben um seine Milieukonflikte und seinen auch schon in der Neonaziszene für Unmut sorgenden Substanzkonsum standen einem dauerhaften parteipolitischen Engagement zunächst im Weg. In den letzten Jahren gelang es ihm, bedingt vor allem durch die Personalnot der NPD in Schleswig-Holstein, sich mehr und mehr in Stellung zu bringen und 2011 den weitgehend am Boden liegenden Kreisverband Segeberg-Neumünster zu übernehmen, obwohl Nordhorns Wohnort Laboe nicht im Gebiet des Kreisverbands liegt. Nordhorn wurde schnell zu einem der aktivsten Kader Schleswig-Holsteins, polarisiert aber immer noch durch eine unzuverlässige und aufbrausende Art. Seine vielfältigen Drohungen gegen antifaschistische Initiativen auf den Internetauftritten der NPD setze er zum “Heldengedenken” im November 2013 in die Tat um, als er antifaschistische Fotograf_innen mit Pfefferspray angriff. Im Januar 2014 folgte eine Verurteilung wegen Beleidigung im Rahmen einer NPD-Veranstaltung.

Dass der “Schützenverein Marianne” nicht von den neonazistischen Umtrieben Daniel Nordhorns weiß, erscheint nahezu unmöglich. Heikendorf ist eine kleine Ortschaft in unmittelbarer Nachbarschaft zu Nordhorns Wohnort Laboe. Nordhorn selbst schreibt auf der Website seines Kreisverbands, dass alle Bewohner_innen seines Ortes ihn und seine politische Gesinnung kennen. Auch Nachbar_innen Nordhorns sind im selben Schützenverein aktiv. Kein Vereinsmitglied scheint sich daran zu stören, dass die von Nordhorn gepflegte Internetseite des Vereins Besucher_innen im neonazistischen Duktus mit “Herzlich willkommen auf der Weltnetzpräsenz des Schützenvereins Marianne von 1971 e.v.” begrüßt.

Selbst in den Zeiten des “NSU” scheint weder in dem für die Vergabe der Waffenlizenzen zuständigen Ämtern, noch in dem Schützenverein ein Bewusstsein dafür zu herrschen, dass gewaltbereite Neonazifunktionäre nicht (nur) aus sportlichen Gründen an scharfen Waffen trainieren, sondern sich damit auf den bewaffneten Kampf für den Nationalsozialismus vorbereiten. Im Falle Nordhorns ist die Gemengelage denkbar skuril. Die Innenministerkonferenz führt Daniel Nordhorn in ihrer Beweissammlung zum Verbotsantrag der NPD auf, der damit begründet ist, dass die NPD kämpferisch auf einen Umsturz hin arbeiten würde, während eine dem Innenministerium unterstellte Behörde ihm eine Waffenlizenz ausstellt.

Quelle: quimera.noblogs.org